Reinhard Sprenger über Workaholismus, Burn-out und den schädlichen Einfluß von Work-Life-Balance
15.02.2005, 10:18
abgelegt unter: Burn-out, Medien



Auf handelsblatt.com erschien ein Artikel von Reinhard Sprenger “Happy Workaholics”, der auch auf Burnout Bezug nimmt. Interessantes und diskussionswürdiges Gedankengut, das in etwa folgender Argumentation folgt: Workaholics können glücklich sein, wenn sie zu ihrem Streben ja sagen. Die Beschäftigung mit Work Life Balance-(Büchern) führe hingegen in die Unzufriedenheit und Unentschiedenheit zwischen den Lebensbereichen. Damit seien Ratgeber zur Balance der zerstörerische Auslöser.

Schlecht: Die Begriffe Workaholismus, Work Life Balance und Burnout werden munter gemischt und wie so häufig bestenfalls im managementumgangssprachlichen Sinne verwandt. Wieder mal das Sowohl-als-auch: Popularisierung von Begriffen führt dazu, dass mehr Menschen etwas über sie wissen, aber auch auch zur Verflachung der Diskussion.

Kostprobe:

“Burn-Out ist das Resultat schlechten Gewissens. Dabei weiß jeder doch, was er wirklich will: nämlich das, was er gerade tut. Sonst würde er ja etwas anderes tun. Schlechtes Gewissen ist also ziemlich unintelligent, es hindert an der inneren Entschiedenheit – ja zu sagen zu dem, was man gerade tut. Es ist also das Streben nach Balance, das zerstörerisch wirkt. Dann, wenn Norbert Müller sich einreden lässt, dass er eigentlich etwas anderes will. “



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4 Kommentare bisher
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Um es vorweg zu sagen: Ich mag Sprenger sehr. Tiefgang ist jedoch seine Sache nicht. Tiefgang produzieren und Bestseller zu verkaufen ist auch schwer vereinbar. Ich habe ihn einmal persönlich darauf angesprochen und ich denke, er ist sich dessen auch bewusst. Ich fasse seine Auslassungen daher auch eher als provokante Denkanstösse auf, die allerdings oft mehr als nur einen Funken Wahrheit enthalten.
Stephan

Comment by Stephan 15.02.05 @ 10:37

Ich mag Sprenger auch!!!

Meine Kritik richtet sich nicht gegen Sprenger, sondern gegen die Begriffsverwendung bei Sprenger und anderen. Im Zusammenhang mit gängigem Managementvokabular lasse ich mir das gern gefallen, bei Erkrankungen hörts allerdings m.E. auf.

„Workaholic“: Wie oft und gern wird er kokett in einem „positiven“ Sinne gebraucht, um auf die eigene oder eine besonders ausdauernde oder besonders kräftezehrende fremde Arbeitsleistung oder auf jemanden, der statt soviel zu arbeiten lieber was anderes tun sollte, hinzuweisen. In einem solchen Zusammenhang ist die Sprengersche Argumentation überhaupt nicht anstößig und total normal.

Genauer betrachtet ist Workaholism das englische Wort für eine Suchterkrankung (!!!!), nämlich Arbeitssucht, ein Phänomen, das immerhin so viel Leidensdruck erzeugt, dass es für Erkrankte Behandlung und Selbsthilfegruppen gibt.

Andere Abhängigkeitserkrankungen wie Alkoholismus, Drogenkonsum u.ä. sind als Krankheit gesellschaftlich akzeptiert und niemand würde jemals einen Artikel über Happy Alkoholikers oder Happy Fixers im Handelsblatt publizieren oder jemandem raten, „ja“ zu seinem Suff zu sagen. Bei Arbeitssucht und z.B. auch bei Burnout („Jaja, wer kennt das nicht, sich mal ein bischen erschöpft zu fühlen…“) oder aber auch dem Thema Internetsucht, das oft ebenso verniedlicht wird, ist diese Flachheit aber zur Zeit ganz normal. Das ist m.E. weder unterhaltsam noch informativ, sondern zynisch – auch und gerade für Betroffene. Dass Erfolgsautoren (und andere, die Umsatz wittern) neuen Trends nachspüren müssen, ist logisch, aber bitte nicht so!

Comment by Stephanie Dann 15.02.05 @ 21:04

Die Beschäftigung mit Work-Life-Balance-Büchern als “zerstörerischen Auslöser” hinzustellen, halte ich für eine sehr einseitige Betrachtungsweise. Das würde verallgemeinert ja bedeuten: Bloß nicht über den eigenen Tellerrand schauen – woanders könnte es besser sein. Ich denke, wer sich über seine Prioritäten wirklich im Klaren ist und für seine Karriere bereit ist, auf andere Dinge zu verzichten, wird sich durch solche Lektüre nicht “aus der Bahn werfen lassen”. Und wer bei der Beschäftigung mit Work-Life-Balance ins Grübeln kommt, der sollte sich ernsthaft Gedanken machen, was ihm (im Augenblick und auf die Dauer) im Leben wichtig ist. In jedem Fall ist bewusst aufrecht erhaltene “Betriebsblindheit” sicher nicht der richtige Weg. Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Sichtweisen zu einem Thema hat noch niemandem geschadet.

Comment by Michael van Laar 23.02.05 @ 12:30

Hallo Herr van Laar,

da muß ich einfach zustimmend nicken…

Danke für diese Bereicherung!

Comment by Stephanie Dann 23.02.05 @ 23:24



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