Wenn Coaches behandeln
19.07.2005, 08:54
abgelegt unter: Burn-out, Beratungsqualität



Gestern abend auf einer Netzwerkveranstaltung: Vortrag eines Coaches zum Thema Burnout.

Nach ausführlicher Darstellung des eigenen Behandlungskonzepts
(u.a. Arbeit mit Affirmationen – ”...das ist so was wie: Tschaka – ich will!” oder “Leiten und Führen statt Managen”) eine verwunderte Frage aus dem Publikum:

“Ich habe vermisst, dass Sie etwas über Psychotherapie und Kliniken und so sagen. Braucht man das jetzt gar nicht oder…?”

Antwort Coach etwa: “Ja eigentlich… , das kann auch hilfreich sein, aber im Grunde ist das eh alles das Gleiche”.

Ein anderer ergänzt glücklicherweise: “Ich hatte Burnout und wollte noch hinzufügen, dass das eine diagnostizierbare Krankheit ist. Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Behandlung.”

Da stellen sich mir die Nackenhaare hoch angesichts so viel Unwissenheit, die in beruflicher Hochstapelei mündet. Nein, wir sind nicht allmächtig und wir sind nicht das Gleiche wie ein Therapeut!

Nochmal deutlich: Wer seine Grenzen nicht kennt und behauptet alles zu können, macht sich strafbar:

§ 5 (1) HPG: Wer ohne Erlaubnis die Heilkunde ausübt, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft.

früherer Beitrag zur Beratungsqualität



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Allmachtsfantasien
2.05.2005, 21:31
abgelegt unter: Coaching, Beratungsqualität



Marcel Widmer hat in seinem Blog unter dem Begriff “Allmachtsfantasien” auf meinen Beitrag “Coaching – Machbarkeitswahn…” Bezug genommen.

*g* Seine Beschreibung aus der Lehrsituation kann ich exakt nachvollziehen. Habe ich in der Ausbildung “am eigenen Leib” ganz ähnlich erlebt. Bin auch in die Auseinandersetzung mit über-die-Stränge-schlagenden-Allmachtsfantasien und den Grenzen der eigenen Wirksamkeit getunkt worden. Ich glaube, dass das nötig ist. Ein Bewußtsein für die eigene Egozentrik und für eine gesunde Bodenhaftung will erst erworben werden. :-)

Zum Rest des Beitrags: Nicken, Nicken, Nicken!



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Coaching - Machbarkeitswahn und Menschenbilder
27.04.2005, 09:32
abgelegt unter: Coaching, Beratungsqualität, grobe Vereinfachung



Neulich beteiligte ich mich in einem Forum an einer Diskussion zum Thema Coaching, die von einem “potenziellen Kunden” gestartet worden war, mit dem Ansatz Ihr-Heerscharen-der-Coaching-Industrie-rechtfertigt-Euch-wem-ihr-Nutzen-bringen-wollt. Im Verlauf der Diskussion konnte man viel über Vorbehalte und Vorurteile Coaches gegenüber lernen. Qualität im Coaching und die Schwierigkeit, einen seriösen, passenden Anbieter aufzufinden, ist daher nach wie vor hochaktuell. Ich schrieb damals mit Bezug auf die vorgebrachten Misstrauens-Voten der Diskussionsteilnehmer u.a. folgendes:

” Für seriöse Anbieter gilt, dass sie in der Regel spezialisiert sind und nicht den Anschein erwecken wollen, allgemein für alles kompetent zu sein. Sie nehmen nicht jeden Auftrag an, sorgen für Transparenz im Prozess, statt wild und subversiv zu manipulieren und sie sind darauf bedacht, sich selbst überflüssig zu machen und nicht darauf, die Beratungsbeziehung langfristig zu zementieren. Auch betätigen sie sich nicht als vertriebliche “Hausierer”, Psychohexer oder Esoterik-Gurus. Sie sind kein Mutter- oder Partnerersatz und keine Problemabnehmer und schon gar nicht jemand, der einen “umdreht” oder “wir haben uns alle lieb” propagiert. Sie versprechen nicht von vornherein das Blaue vom Himmel (viel mehr von… Steigerung von ....glücklicher als… Lösung sämtlicher Probleme), ....”

” Wobei…. die extremen Leistungsversprechen mancher Anbieter haben auch einen Markt. Mich, die ich mich mit der Unterstützung von Menschen beim ERHALT ihrer Leistungsfähigkeit beschäftige, macht es immer wieder nachdenklich, dass so viele auf leicht-anmutende “Tuning”-Angebote stehen – mehr, mehr, mehr! Der Coach als Turbo-Pille? Wohl eher selten.”

Insofern paßt Christopher Rauens Beitrag zu “Machbarkeitswahn und Menschenbilder” im aktuellen Coaching-Newsletter hervorragend – ebenfalls an der Schnittstelle zwischen geradezu sensationellen Erfolgsversprechen mancher Coaches und potentieller Kundschaft, die zu Recht vorurteilsbezogen auf die Schar der Coaching-Anbieter reagiert:

“Das Perfide bei einer “Beratung”, die ein “alles ist möglich, wenn man nur will” suggeriert, ist: Ein Misserfolg kann scheinbar eindeutig zugewiesen werden. Der Klient ist schuld, er hat nur nicht genug gewollt. Somit ergibt sich die Notwendigkeit, sich noch mehr Mühe zu geben und noch mehr Beratung in Anspruch zu nehmen. Eine reflektierte Vorgehensweise sieht anders aus. “Schon die alltägliche Lebenserfahrung zeigt, dass für viele Menschen aus unterschiedlichsten Gründen Versagen zum Alltag des Lebens gehört. Vorzugeben, jeder bzw. jede könne alles erreichen, was er bzw. sie sich vorstellt, ist abwegig.” (Keden, 2002, S. 35). ....

... sind die eingangs dargestellten Formulierungen bei näherer Betrachtung durchaus bei der Auswahl passender Coaching-Angebote hilfreich – allerdings anders, als sich dies entsprechende Anbieter vorgestellt haben dürften. Wer deutliche Hinweise auf mangelnde Authentizität und Reflexionsvermögen eines Coaching-Anbieters sucht, findet diese z.B. in folgenden Punkten:

    - Erfolgsversprechen bzgl. Perfektionsphantasien

    - Überidealisierungen und Schönungen

    - Vereinfachungen, Ausklammern von Mehrdeutigkeiten

    - Machbarkeitsideologien und vorgetäuschte Konfliktfreiheit”


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Burnout, Balance und die Kasse klingelt


Im Moment überschlagen sich alle, um möglichst schnell auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Insofern kann ich nur erneut davor warnen, Angebote, die irgendwie mit Burnout assoziiert werden, ungeprüft in Anspruch zu nehmen. Da es sich beim Burnout-Syndrom eben nicht um einen vergleichbar modischen Begriff wie Work-Life-Balance, Business Process Reengineering oder Customer Relationship Management handelt, sondern um eine ernstzunehmende Erkrankung, sollten Sie sich versichern, dass der Anbieter über seriöse Kompetenzen und Erfahrung in diesem Feld verfügt. Oder würden Sie einem Versicherungsberater, Telefontrainer, Unternehmensberater, IT-Dienstleister, .... Kompetenz für Ihre Diabetes-, Krebs- oder Herzinfarkt-Vorsorge zutrauen?

Ein Beispiel, das gerade zur Hand ist: der Artikel “Bewältigung des Burnout Syndrom durch „First-Class-Selbstmanagement“. Er endet mit einem m.E. in diesem Zusammenhang denkbar seltsamen Leistungsangebot:

“Treffen Sie ihre Entscheidung! Stehen Sie aktuell an einem Scheideweg oder möchten schon lange eine bestimmte Entscheidung treffen? Besonders wenn sie an der Globalisierung teilhaben möchten und Ihr Unternehmen in den asiatischen Raum expandieren möchte, ist ein “Alpha-Karma” Training ein muss. Profitieren Sie von einer Unternehmensberatung, Einzelcoaching und Mitarbeitertraining. Für manche Themen ist es gut, von einem unabhängigen Dritten Feedback zu erhalten, Geschäftsbeziehungen knüpfen zu lassen. Von einer höheren Warte aus die Dinge zu beurteilen, besser zu organisieren, aktiver in eigener Sache zu werden, einfach mal seine Wirkung auf andere Menschen zu erfahren und an und mit sich zu arbeiten das ist „First-Class-Selbstmanagement“!!!”

Einige Hinweise dafür, wie Sie mit Burnout-Prävention o.Ä. gelabelte Angebote prüfen können.
Seriöse therapeutische Angebote finden Sie u.a. hier

edit:
Und damit das noch mal aus einer anderen Perspektive drastisch deutlich wird:
Eine Person, die anders als Mediziner, Psychotherapeuten, Heilpraktiker nicht zur heilkundlichen Tätigkeit zugelassen ist und Heilungs- und/oder Bewältigungsversprechen abgibt, überschreitet ihre Kompetenz, hat keine Ahnung und steht mit 1,5 Füßen im Knast.



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Burnout und Ethik als Dienstleister im weitesten Sinne


Burnout!!! Burnout!!! Burnout!!!

Die Welle schwappt im Moment regelrecht über. Wie bei anderen Themen, die plötzlich in Mode geraten, mache ich mir auch diesmal Sorgen über die Entwicklungen auf “dem Markt”. Es gibt einen Punkt, an dem – durch das extreme Medieninteresse erwacht – plötzlich ganz viele die perfekte Welle sehen und aufspringen.

Und das ist genau der Moment, ab dem für Menschen, die einen Bedarf im modischen Themenfeld haben, die Transparenz aufhört. Das machte mir schon früher Sorgen, beispielsweise bei der CRM-Welle, bei der Prozessmanagement-Welle, bei der Reorganisationswelle, aber jetzt eben ganz besonders. Denn im Unterschied zu all diesen Erscheinungen haben wir es hier mit einer im fortgeschrittenen Erkrankung sehr ernstzunehmenden Erkrankung zu tun.

Umso schlimmer, wenn sich im Feld der Burnout-Dienstleistungen plötzlich Managementtrainer, Vertriebsprofis, Vitaminverkäufer, spirituell erfahrene Medien, Leistungsfähigkeitsgurus, Berater jeder Couleur, Work-Life-Balance-, Wellness-, Health- und Feng Shui-Experten, Psychotherapeuten, Allgemeinmediziner, Psychiater, Kliniken … wild durcheinandertummeln und dazu noch viele andere, die etwas leicht Verkäufliches wittern und zum Teil mit zweifelhaften Methoden agieren.

Beispiel für zweifelhafte Methoden:

Burnout-Test

Es gibt schon sehr lange seriöse Burnout-Messinstrumente. Ein namhafter, häufig eingesetzter und viel zitierter wissenschaftlicher Burnout-Test ist zum Beispiel das Maslach Burnout Inventar. Daneben gibt es im Internet eine Vielzahl von Tests, die frei zugänglich sind und im besten Fall beim Ausfüllenden ein Bewußtsein für seine derzeitige Situation schaffen. Im schlechtesten Fall sind sie einfach Humbug und richten Schaden an, weil sie Ängste schüren. Die dritte Variante, die ich hier als zweifelhaft bezeichnen möchte, sind “Burnout-Tests” unterschiedlicher Qualität auf Anbieterseiten, die den Ausfüllenden dazu veranlassen, seine Mailadresse anzugeben, “um sich eine Auswertung oder Diagnose schicken zu lassen” – also häufig Adressgenerierungsmaschinen für Akquisezwecke.

Wie also den richtigen Experten finden? Welche Maßstäbe anlegen?

Erste Grundregel: Eine vorliegende körperliche und/oder psychische Erkrankung gehört immer in die Hände eines fachkundigen Vertreters der Heilberufe! Die einzig adäquate Dienstleistung ist in diesem Fall Therapie.

Für Menschen, die sich (noch) nicht in einem Zustand mit Krankheitswert befinden oder dies nicht so genau wissen, kommen die übrigen Angebote infrage und sollten geprüft werden.

Der seriöse Anbieter

... wird im persönlichen Gespräch seine Qualifikation und Kompetenzen allgemein und speziell in bezug auf das Themenfeld Burnout rüberbringen können.

... sollte mit der Komplexität im Themenfeld Burnout angemessen umgehen können und nicht etwa leichte Wege, Tipps, Tricks, standardisierte “Du-mußt-doch-nur-”Checklisten verkaufen.

... wird nicht behaupten, DIE URSACHE für Burnout gefunden zu haben und DIE LÖSUNG auch. Schon gar nicht wird er Heils- oder Heilungsversprechen abgeben.

... sollte – als Voraussetzung dafür, seine Kompetenzen nicht zu überschreiten – über die fachliche Qualifikation verfügen, einschätzen zu können, ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht. Anders gesagt: Er sollte in der Lage sein, sein Angebot sauber von der heilkundlichen Tätigkeit – Therapie – abzugrenzen und diese Grenzen einzuhalten.

... wird nicht den Anschein erwecken, alles alleine zu können. Insbesondere für den Fall, dass Burnout-Erkrankte seinen Rat suchen, sollte er bereit (Einnahmenentgang!) und in der Lage sein, diese in qualifizierte Hände zu übergeben. Im besten Falle unterhält er ein interdisziplinäres Netzwerk und kann Kooperationspartner aus anderen Bereichen benennen.

... sollte optimalerweise Spezialist sein. Burnout sollte nicht nur eines von vielen Themen im Anbieterportfolio sein und auch nicht als Kostümierung für etwas anderes (z.B. Tanztherapieworkshops, Kommunikationstrainings, Stressmanagement, Wellness- und Balance-Angebote) daherkommen.

... wird Sie über sein Angebot unverbindlich und kostenfrei informieren und Sie bei Ihrer Kaufentscheidung nicht drängen.

Scheuen Sie sich nicht, den Anbieter nach seiner Qualifikation und nach seinen Erfahrungen speziell in bezug auf Burnout zu fragen. Dabei wird sich sehr schnell herausstellen, ob er wirklich erfahren ist oder nur mal ein, zwei Bücher zum Thema gelesen hat. Und scheuen Sie sich nicht, NEIN zu einem Angebot zu sagen, wenn Sie Zweifel haben.



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