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Erfahrungsbericht einer Dame: Trouble mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkasse

R. W. bat mich, ihren Brief an die DAK Redaktion statt eines Erfahrungsberichtes hier zu veröffentlichen. Dieser bezieht sich auf einen Artikel im DAK-Magazin "Fit" Heft 3/2004.

Sehr geehrter Herr K.,

als Mitglied der DAK erhalte ich regelmäßig Ihre Zeitschrift "Fit!". In der letzten Ausgabe war nunmehr ein Bericht über den Medizinischen Dienst zu lesen, zu dem ich hiermit Stellung nehmen möchte.

Schon die Unter-Überschrift "Gemeinsam den besten Weg finden" ist eine Frechheit. Ich habe selbst äußerst enttäuschende Erfahrungen mit dem Medizinischen Dienst machen müssen und war daher von vornherein sensibilisiert für dieses Thema. Einige Aussagen in diesem Bericht, die ich im Folgenden zitieren werde, sind sehr zutreffend, jedoch wundert es mich, dass diese dann zu der Schlussfolgerung führen, der Medizinische Dienst sei positiv zu bewerten.

Die Aussage der Dr. S. vom MDK Hamburg,

"Uns geht es daher weniger um die Frage, was der Versicherte alles an Krankheiten hat. Uns geht es darum, ob und wie er trotzdem arbeiten kann."

ist sehr richtig. Allerdings wüsste ich nicht, wieso es ein Vorteil sein sollte, wenn Ärzte des MDK, die die Arbeits(un-)fähigkeit überprüfen sollen, sich keine Gedanken um den Gesundheitszustand des Patienten machen, sondern lediglich darum, wie schnell, wo und als was der Patient wieder arbeiten kann, damit er bloß nicht länger der Krankenkasse "auf der Tasche liegt".

Die Methode, den Patienten mit ins "Boot" zu ziehen, die ja in dem Artikel mehrmals gelobt wird, finde ich ebenfalls fragwürdig:

"In einem vertrauensvollen Gespräch kann man da eine ganze Menge bewirken",

brüstet sich Dr. S. stolz. Sicher, wenn man die Patienten so sehr verunsichert und in einem Gespräch seine Macht dahingehend ausspielt, dass der Patient zu spüren bekommt, dass nicht Ärzte, von denen er jahrelang behandelt wird, das "letzte" Wort haben, sondern allein Ärzte des MDK über Arbeits(un-)fähigkeit, Gesundheit und Zukunft entscheiden, wenn man Patienten erst in einem "vertrauensvollen" Gespräch über seine private Situation ausfragt, diese dann noch kommentiert und negativ bewertet, und schließlich den Patienten in Tränen aufgelöst vor die Tür setzt, dann kann man in der Tat eine ganze Menge bewirken!

Einige der Argumente in diesem Artikel Ihrer Zeitschrift kamen mir sehr bekannt vor. Da ich mittlerweile schon zwei Mal (wegen der gleichen Angelegenheit) zum MDK "eingeladen" worden war, kenne ich diese Argumente zur Genüge. Ich hatte auch bereits vor der Veröffentlichung dieses Berichts die These aufgestellt, dass die Ärzte des MDK offensichtlich zu einem Seminar geschickt werden, wo sie ein paar Patent-Argumente auswendig lernen müssen, die dann für jeden Patienten universell angewandt werden (da beide Ärzte des MDK die gleichen Sätze auf mich losließen). Ein Auszug aus Ihrem Bericht lautet:

"So hat sich schon oft gezeigt, dass eine zunächst verordnete Schonung die Wiedereingliederung sogar erschweren kann. Gerade von der Sportmedizin haben wir gelernt, dass man den Körper fordern muss und nicht - wie man es früher einmal gesehen hat - schonen darf."

Auch dieses Argument bekam ich zu hören. Allerdings wüsste ich nicht was mein konkreter Fall - mit Colitis Ulcerosa und Burnout-Syndrom als Haupterkrankung - mit Sportmedizin zu tun hätte, und inwiefern es insbesondere beim Burnout-Syndrom, welches ja aus jahrelanger Überlastung und Überarbeitung resultiert, vonnöten ist, sich weiter zu fordern, statt sich zu schonen.

Diese Problematik konnte mir leider jedoch keiner der Ärzte vom MDK erklären. Wahrscheinlich wurde diese Frage nicht bei dem oben erwähnten Universal-Seminar gelehrt.

Wie die Ärztin des MDK, die mich zuerst begutachtete, ja auch mehrmals betont hatte, kannte sie sich mit "solchen Krankheiten" auch nicht aus. Ihre Ausführungen bestanden nämlich nur darin, mich darauf hinzuweisen, dass ich ja "schon seit fast 6 Wochen" arbeitsunfähig sei, so dass doch der akute Schub der Colitis bald vorüber sein müsse. Zu der psychischen Komponente meiner Krankheit, die sie offensichtlich nicht erfassen konnte, führte sie an, dass man sich schließlich mit mir noch normal unterhalten könne und ich sicher mit meinem Mann zu Hause auch tiefgreifende Gespräche führen könne, dass ich beim Reden konzentriert und strukturiert wirke, dass sie jetzt, wenn sie mich "da so sitzen sieht" nicht für depressiv oder suizidgefährdet halte (dies konnte sie ganz "fachmännisch" schon nach 10 Minuten einschätzen), und dass ja schließlich die Krankheit "so schlimm nicht sein kann", weil sie aus meinen Unterlagen ersehen kann, dass ich ja mehr als zweieinhalb Jahre bei der gleichen Firma gearbeitet habe und zu allem Überfluss verheiratet sei, so dass es eine gewisse Konstanz in meinem Leben gäbe. Wenn es mir wirklich schlecht ginge, dann hätte mein Mann mich schon längst verlassen, da es ja kein Mann mit einer Frau aushält, die wirklich psychisch krank ist.

Diese Aussage halte ich nicht nur für einen Angriff auf meine Person (immerhin hat nie jemand behauptet oder diagnostiziert, dass ich eine Psychose habe oder geistesgestört sei), sondern auch mein Mann hat sich ziemlich über diese Aussage geärgert. Immerhin weiß diese Frau nichts über unser Eheleben und kann wohl schlecht gegen mich verwenden, dass mein Mann mich noch nicht verlassen hat.

Doch die Vorschläge mein Eheleben betreffend gehen noch weiter. Sie meinte nämlich, dass ich aufgrund meiner Krankheit doch vielleicht irgendeine weniger anspruchsvolle Halbtagsstelle annehmen könnte, da ich ja verheiratet sei, und es dann vielleicht nicht so auf das Geld ankäme. Allerdings hat das Bundessozialgericht in seiner Entscheidung (1 B KR 30/00) erneut entschieden, dass ein Verweis auf eine andere Tätigkeit als die zuvor ausgeübte rechtswidrig ist. Maßstab der Arbeitsunfähigkeit in der Krankenversicherung ist die zuletzt vor Beginn der Erkrankung verrichtete Tätigkeit. Diese Tätigkeit hatte ich allerdings eben aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen. Nun soll ich aber zum Arbeitsamt gehen, und hoffen, dass mir dort eine andere Stelle vermittelt wird, ohne dass die gesundheitlichen Gründe, die mich zwangen, die vorherige Stelle aufzugeben, beseitigt sind?

Aus meiner "Vorgeschichte" sah die Ärztin auch, dass es mir schon seit Jahren schlecht geht, und dass bereits eine Ärztin vom Gesundheitsamt Hagen im Jahre 2000 mich für mindestens ein Jahr arbeitsunfähig erklärte. Ich sollte damals nach sehr langen Krankenhausaufenthalten und Therapien eine Pause einlegen, damit ich mich erholen kann und meinen Workaholismus in den Griff kriege. Dies habe ich allerdings seinerzeit aus finanziellen Gründen nicht tun können. Ich bildete mir ein, ich schaffe allein aus Willenskraft, gesund zu werden oder aber meine Krankheit zu verdrängen. Dieses Verdängen klappte auch eine Weile, bis eben Ende 2002 die Colitis Ulcerosa noch hinzu kam. Meine Krankheit beschränkt sich also nicht nur auf den Verlauf der Colitis, sondern ist eine chronische. Zu diesem Sachverhalt meinte die Gutachterin des MDK nur, dass sie zwar sehe, dass es mir schon seit Jahren sehr schlecht gehe, dass ich aber trotzdem so vieles geleistet habe (ein abgeschlossenes Studium, eine Doktorarbeit geschrieben, "nebenbei" immer Vollzeit gearbeitet), und dass sie daraus schließe, dass ich auch im kranken Zustand noch leistungsfähig sei. Auffällig ist hierbei, dass hier nur meine angebliche Leistungsfähigkeit bewertet, nicht aber mein körperlicher und seelischer Zustand berücksichtigt wurde - ein Zustand, der sich mit Sicherheit weiter verschlimmern wird, sobald ich wieder eine Arbeitsstelle habe, auf der dann wieder hundertprozentiger Einsatz gefordert wird.

An dieser Stelle möchte ich eine Aussage im Internet zitieren, die der MDK selbst getroffen hat:

"Arbeitsunfähigkeit liegt vor, wenn ein Versicherter aufgrund von Krankheit seine ausgeübte Tätigkeit nicht mehr oder nur unter der Gefahr der Verschlimmerung der Erkrankung ausführen kann."

Weiter heisst es:

"Ob Krankheit die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt, hängt von vielen Faktoren ab:

Die Diagnose des behandelnden Arztes, die tatsächlichen Leistungseinschränkungen sowie die Anforderungen des jeweiligen Arbeitsplatzes werden zusammen betrachtet. Auf dieser Basis entsteht das individuelle Gutachten des MDK."

In meinem Fall war es wohl so, dass diese drei Faktoren nicht betrachtet wurden, dass sogar "der psychische Gesamtzustand des Menschen" sowie "die Art und die Anforderungen der beruflichen Tätigkeit" außer Acht gelassen wurden. Die Gutachterin ging stattdessen davon aus, dass ich ja lediglich zum Arbeitsamt gehen müsse, nicht zurück auf eine Arbeitsstelle.

Nun aber von meinen persönlichen Erfahrungen zurück zu Ihrem Artikel: Desweiteren fand ich die Argumente sehr interessant, die auf die angebliche "Übereinkunft" zwischen Patienten und MDK abzielten. Um sich vor dem Begriff der "Gesundschreibeeinrichtung" (ein sehr zutreffender Begriff im Übrigen!) zu wehren, führt Dr. S. aus:

"Ich habe gerade in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass viele von ihnen [den Patienten] froh waren, wenn ich ihnen diese Zusammenhänge erklärt habe und damit frühzeitig einen Weg zur Rückkehr an den Arbeitsplatz aufzeichnen konnte. […] nach einer bestimmten Zeit haben viele Menschen Angst, dass sie die Verbindung zur Arbeitswelt verlieren. […] Sie werden vor allem unsicher, ob sie nach wochenlanger Arbeitsunfähigkeit alles noch schaffen können."

Welch einfache Lösung für ein kompliziert scheinendes Problem: Wenn man trotz massiver gesundheitlicher Probleme einfach wieder "gesund geschrieben" wird, schafft man seine Arbeit umso besser? Der Artikel an sich - und auch die "live-Argumentation" der Ärzte des MDK, wie ich sie am eigenen Leib erfahren musste, stellt sich nämlich so dar (frei zitiert):

"Sie sind sehr krank, aber das ist uns egal. Sie sollen trotzdem wieder arbeiten. Und in dem Moment, wo wir Sie gesundschreiben und wieder arbeiten schicken, geht es Ihnen wieder blendend!"

Das wäre ja fein. Dann müsste ja nur jeder, der ernsthafte Probleme hat, einmal solch ein vertrauensvolles Gespräch mit einem MDK-Arzt führen, sich von ihm in sein sogenanntes "Boot" ziehen lassen, und alles ist paletti. Eine solche Lösung wäre mir, so können Sie mir getrost glauben, wesentlich lieber gewesen, als die "Nicht-Lösung", die sich mir jetzt darstellt: Nur, weil der MDK mich für "nicht mehr arbeitsunfähig" befunden hat, heißt das noch lange nicht, dass es mir schlagartig besser geht. Woher auch. Ich habe meine Arbeitsstelle aufgrund eben jener gesundheitlichen Probleme aufgeben müssen und sollte ganz dringend eine von MEHREREN Ärzten verschiedener Fachrichtungen empfohlene Auszeit nehmen. Die darf ich nun nicht nehmen, sondern soll mich beim Arbeitsamt vorstellen. (Obwohl der zweite Arzt des MDK auch in diesem Fall meinte "Sie sind ja mit DER Krankheit sicher sowieso nicht vermittelbar". Jedoch meinte er weiter, ich solle doch froh sein, von ihm gesund geschrieben worden zu sein, denn "andere Leute mit der Krankheit können NIE WIEDER arbeiten! Also haben Sie noch Glück gehabt, dass ich nun so entscheide" (Logik??)).

Da ich aber bekanntlicherweise nicht von den MDK-Wunderheilern nur durch das Gesundschreiben auch wirklich geheilt worden bin, sehe ich mich gesundheitlich nicht im Stande, mir vor lauter Verzweiflung eine neue Stelle zu suchen, Bewerbungen zu schreiben, zu Vorstellungsgesprächen zu gehen - ganz davon zu schweigen, dass ich mit Sicherheit nicht in der Lage wäre, erneut eine Belastung einer 40-Stunden-Woche zu ertragen. Hätte ich das gekonnt, hätte ich schließlich auch in meiner vorherigen Stelle bleiben können, die ich ja, wie bereits erwähnt, aus denselben gesundheitlichen Problemen aufgegeben habe!

Ein weiteres Argument, welches ich nur als ironisch betrachten kann, ist Dr. S.'s Schilderung der Rückkehr des Patienten an seinen Arbeitsplatz:

"Da kommt man dann mit Schmerzen zurück an den Arbeitsplatz und blickt nur in eisige Gesichter…".

Eben dies war auch bei mir der Fall. Ich bin trotz Krankheit weiter arbeiten gegangen, habe mich zur Arbeit gequält, weil ich an meinen bemitleidenswerten Chef, der ohne mich nicht klar kommt, und meine Kollegen, denen ich (und vor allem meine "unermüdliche" Arbeitskraft) sicher so gefehlt hat, denken musste, weil ich nicht als "kranker Loser" abgestempelt werden wollte, weil ich mir und dem Rest der Welt beweisen wollte, wie belastbar ich doch bin. Genauso lange, bis nun wirklich gar nichts mehr ging. Die Auszeit ist für mich lebenswichtig. Und nun soll ich wieder einmal "mit Schmerzen" zurück an eine Arbeitsstelle gehen, und so tun, als sei nichts gewesen? Interessant, dass diese Aussage allein ja schon bestätigt, dass Frau Dr. sich sehr wohl dessen bewusst ist, dass die Schmerzen und somit die Krankheit offenbar immer noch da sind. Die Hauptsache jedoch scheint zu sein, dass man

"die Reaktion von Kollegen, die während der Arbeitsunfähigkeit die verwaise Arbeit mitmachen mussten" "nicht unterschätzen sollte".

Die Reaktion Anderer war auch bei mir lange Zeit wesentlich wichtiger als meine eigene Gesundheit. Dies bereue ich heute, und doch werde ich vom MDK wieder dazu gezwungen, solche Argumentationen über mein eigenes Leben zu stellen. Wie es aber weitergehen soll, wenn man sich trotz Krankheit immer wieder zur Arbeit zwingt, wenn man die Krankheit nicht auskuriert, sondern ignoriert (wie ich es lange genug versucht habe), davon ist leider nicht die Rede. Soll der Patient davon dann gesünder werden? Die ideale Therapie für einen Workaholic-Kranken, der an einem Burnout-Syndrom leidet, welches bereits solche krassen körperlichen Symptome wie eine Colitis Ulcerosa zeigt, ist anscheinend, ihn wieder arbeiten zu schicken? Weil er die Krankenkasse weniger Geld kostet, wenn er tot ist??

Mir ist bewusst, dass diese Worte nun sehr krass und theatralisch klingen. Jedoch geht es hierbei um mich, mein Leben, meine Gesundheit (was davon noch übrig ist) und meine Zukunft. Ärzte, die mich lange kennen, sich fachlich mit meinem Krankheitsbild auskennen (was bei den Ärzten vom MDK leider nicht der Fall war) und mich gründlich untersucht bzw. therapiert haben, betonten immer wieder, dass ich meine Lage endlich ernst nehmen soll, weil sie lebensbedrohlich werden könne. Den Ärzten des Medizinischen Dienst jedoch scheint das ziemlich egal zu sein. Kein Wunder, immerhin wird man augenscheinlich nicht als Mensch gesehen, sondern als ein weiterer Patient, der den armen Krankenkassen das Geld aus der Tasche ziehen will (jenes Geld, welches er vorher jahrelang selbst eingezahlt hat!).

Ich denke, diese letzte Bemerkung des MDK-Arztes mir gegenüber spricht Bände:

"Sie können gerne gegen meine Entscheidung klagen. Vor Gericht würden Sie sicher Recht bekommen. Allerdings warne ich Sie: Das wird Ihre Nerven noch mehr ruinieren!"

Auch hier hat er Recht. Leider.

Aus einigen Internet-Foren weiß ich, dass die Behandlung, die ich beim Medizinischen Dienst erfahren musste, leider kein Einzelfall ist. Schon im Hinblick hierauf möchte ich Sie doch bitten, auch die Meinung der "Gegenseite" in Erfahrung zu bringen, bevor ein solch einseitiger, sich selbst lobender Bericht über den Medizinischen Dienst in Ihrer Zeitung abgedruckt wird. "Endlich wieder arbeiten!" - so ruft sicher freudestrahlend die Mehrheit aller Patienten, die vom MDK gesundgeschrieben wurden. Es ist wirklich ein Glück für alle Arbeitgeber und Krankenkassen, dass es diese Einrichtung gibt.

R.W.